Warum „Gefällt mir“ weniger sagt, als die meisten denken
Gefällt mir oder gefällt mir nicht – diese Frage stelle ich mir als Grafikdesignerin beim Betrachten von Plakaten nicht.
Vor einigen Tagen war ich spontan, zwischen zwei Terminen, mit Bekannten in einer Paul Wunderlich-Plakatausstellung. Im Nachgang fragten sie mich: „Und, haben dir die Plakate gefallen?“ Meine ehrliche Antwort: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

Warum „Gefällt mir“ keine Rolle spielt
Das war kein Versäumnis meinerseits. Als Grafik Designerin habe ich einen anderen Kriterienkatalog im Kopf. Meine Bewertung balanciert nicht zwischen Gefällt und Gefällt nicht, sondern zwischen „Funktioniert als Plakat“ und „Funktioniert nicht“.
Das hat meine Bekannten zuerst irritiert. Für sie als Grafik-Laien ist die Frage nach dem Gefallen der natürliche Zugang.
Die Plakate von Paul Wunderlich (1927–2010) sind ein perfektes Beispiel für meine Herangehensweise. Die Exponate waren erkennbar Künstlerplakate.
Sein Zeichenstil ist prägnant und eindeutig. Der Einfluss des Surrealismus auf seine Arbeiten ist nicht zu übersehen. Die Typografie ist oft handschriftlich, was ich passend finde: Sie unterstreicht den persönlichen, künstlerischen Charakter seiner Arbeit.
Das Verhältnis von leerer und bedruckter Fläche ist ausbalanciert. Wunderlichs Plakate wirken selten überladen, obwohl sie häufig komplexe Motive transportieren.
Kleiner Blick in meine privaten Kulissen: Zwischen Wunderlichs und meiner Welt gibt es kaum tragfähige Verbindungen. Aber das ist auch nicht nötig. Die meisten Plakate funktionieren als Plakate – und das reicht.
Diese Punkte scanne ich beim Betrachten eines Plakates
Wenn ich ein Plakat betrachte, analysiere ich nicht meine Emotionen, sondern seine Funktionalität. Hier sind die wesentlichen Kriterien, auf die ich achte:
- Klare Botschaft
Transportiert das Plakat die Intention sofort? Oder muss ich erst rätseln? - Visuelle Hierarchie
Führt das Design den Blick des Betrachters? Gibt es einen klaren Einstiegspunkt und eine logische Abfolge? - Technische Umsetzung
Ist die Typografie lesbar? Sind die Farben und Kontraste so gewählt, dass sie auch aus der Distanz wirken? Wie arbeiten Layout, Materialien für die Botschaft? - Kontext und Zielgruppe
Passt das Design zur Zielgruppe und zum Ort, an dem es hängt? - Emotionale Wirkung
Löst das Plakat eine Reaktion aus? Nicht im Sinne von Gefallen, sondern von Neugier, Irritation oder Faszination?
Unser Gespräch nach der Ausstellung ging kurz weiter. Ich teilte meine Herangehensweise und entdeckte, dass diese Perspektive als spannend und bereichernd wahrgenommen wurde.
Parallel wurde mir einmal mehr bewusst, dass wir alle von den meisten Themen nur eine vage Vorstellung haben. Also urteilen wir nach Bauchgefühl. Solange es um persönliche Vorlieben geht, ist das völlig ausreichend. Für fachlichen, konstruktiven Austausch braucht es mehr bzw. anderes Wissen.
Fazit: Mir hat dieser kurze Dialog gezeigt, dass meine Werkzeuge helfen können, die Wirkungsweise von Grafik Design besser zu verstehen. Und gleichzeitig habe ich richtig Lust bekommen, andere Fachexpertisen zuzuhören und immer wieder in den Austausch zu kommen!
Ich bin gespannt, wie du Plakate betrachtest? Außerdem welche Fachexpertise würdest du am liebsten anzapfen? Lass mir gern einen Kommentar dar.
Hab eine gute Woche mit viel Austausch und lass uns weiter gemeinsam Wände entdecken :o)
Herzlich, Silja
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