Humor ist Freiheit #22


Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass Humor inzwischen etwas sehr Privates geworden ist. Das erschien mir spontan absurd. Dann fielen mir die Plakate von Rolf Felix Müller in die Hände und ich wusste plötzlich sehr genau, was meinen Seismografen im Unterbewusstsein aktiviert hat.


Mein Inspirationsschubser

Ich spaziere gern, Gedanken kommen und gehen. Neulich die Feststellung, wenn es eng wird, verschwindet zuerst der Humor. Das hat mich aufgeschreckt. Das wollte ich nicht glauben.
Zu Hause habe ich Bestätigung in einem Bildband über den Grafiker Rolf Felix Müller gesucht. Und, sehr beruhigend, das genaue Gegenteil gefunden.

Rolf F. Müller (1932 – 2021) war freischaffender Grafiker aus Gera, 23mal ausgezeichnet für „Die besten Plakate des Jahres“ und Inhaber vielfältiger anderer Ehrungen, als Professor in der Lehre tätig und (fast) jedem DDR-Kind vertraut durch seinen Goldenen Spatz, dem Logo des Kinderfilmfestes.

Seine Plakate sind wunderbar unaufgeregt, seine Illustrationen mit leichtem, scheinbar schnellem Strich gezeichnet. Die Botschaft wird schnell verstanden. Doch auf den zweiten Blick, in den Details, entsteht durch feinsinnigen Humor ein Raum für die Betrachtenden. Und dieser Raum kommt als Einladung daher.

Durch die eigene Geschichte, durch die eigene Erfahrung entsteht für jede:n ein gemeinsamer und doch auch persönlicher Witz. Es sind Kleinigkeiten, die den Unterschied machen: unauffällige Schuhe, die aus einem Hund einen Menschen werden lassen; ein anders geformter Schatten, der die Geschichte verändert oder zwei Linien mehr, die eine Treppe gleichzeitig auf und ab führen.

In der DDR-Gebrauchsgrafik kursierte ein Satz: „Wenn man ein Plakat macht, darf man nicht schwafeln, ein Plakat ist ein visuelles Telegramm.“1) Kein Wort zu viel, kein Bild zu viel und bei Müller, das ist das Besondere, auch keine Pointe zu deutlich. Müller hat den Menschen zugetraut, dass sie den Weg zu seinem augenzwinkernden, verbindenden Humor eigenständig finden.

Natürlich sagt ein Bildband mit Plakaten und Illustrationen aus meinen Kindertagen nichts über unseren Humor heute aus. Und die Feststellung, dass mir im öffentlichen Raum gerade feine, humorvolle Pointen fehlen, ist davon unberührt. Aber das Buch erinnert mich daran, welche Freiräume entstehen, wenn man Humor als Werkzeug einsetzt und den Betrachtenden zutraut, selbst zu denken.


Wie mein Plakatentwurf entstanden ist

Müllers Arbeiten sind selten rein typografisch. Er bevorzugt schnelle und präzise Illustrationen, thematisiert zumeist Menschliches. Und (fast) allem wohnt ein zugewandter, feiner Humor inne.
Ein lächelnder Bleistift ist für mich ein passendes Bild. Ergänzt von zwei Augen.

Die Augen bieten sich an, um ein weiteres Merkmal seiner Arbeiten zu transportieren. Zuerst sendet Müller die Botschaft, hier als Satzpunkt-Auge. Doch hinter dem Punkt entsteht bei Rolf F. Müller ein Raum, ein Komma. Und mit diesem Komma beginnt die Freiheit der eigenen Gedanken. Es sagt: Es geht weiter, aber du entscheidest wie.

Und genau, wie bei Müller ist mein Entwurf nicht übermäßig kompliziert. Er ist nicht laut und marktschreierisch. Die Farben sind reduziert, die Typo ist schlicht.

Das Einzige, was ich mir nicht in den Sinn gekommen ist, ist ein gezeichneter Witz, eine kleine Provokation. Aber mein Entwurf darf auch eher als Danke verstanden werden. Als Danke für die Erinnerung daran, dass hinter jeder Botschaft ein Komma liegen kann; ein kleiner Raum, in dem die eigenen Gedanken Platz finden.



Blick hinter die Kulissen


Aha-Moment to go

Mein Humor-Seismograf hat angeschlagen, weil mir die feinen Pointen und die damit verbundenen Denkräume fehlen. Doch wie ist das? Kann man Humor lernen?

Schaut man sich auf dem Seminarmarkt um, gibt es jede Menge Humor-Weiterbildungen im Bereich des Schreibens und als Arbeits- und Führungskompetenz. Die Angebote für visuellen, grafischen Humor findet man unter den Stichworten Karikatur und Comic. Humor ist also auch erlernbares Handwerk.

Ein feinsinniger Strich wie bei Müller braucht neben dem Handwerk wahrscheinlich noch jede Menge Übung und ein zugewandtes Menschenbild.     



Noch eine kleine Inspiration

Hier gibt es heute die Daten zum Bildband, der mich inspiriert hat: Jakobson, Hans P. (Herausgeber), Müller, Rolf F. (Mitwirkender) (2002). felix fecit: Plakat – Grafik – Illustration, Bussert u. Stadeler, ISBN 3-932906-39-X


Eine schöne Pointe wäre, wenn du hier teilst, wie du auf Humor schaust. Ist er dir wichtig? Und, was sagt dein Humor-Seismograf in der heutigen Zeit?


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Ich wünsche dir eine schöne Woche und freue mich dich nächste Woche mit einem neuen Plakat zu überraschen!

Herzlich, Silja



1) Dietrich Kaufmann zugeschrieben; überliefert im Ausstellungskatalog zu seinem Werk (Berlin 1988), nachgewiesen bei Doris Müller, DHM-Magazin Heft 24 (1999)

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