Oder warum wir Plakate aufhängen sollten.
Der Sommer war hart. Ich habe ihn ohne meine engste Familie verbracht und dabei etwas Entscheidendes über Plakate gelernt.
Plakate sind da, wo Menschen sind. Klingt einfach und logisch. Doch, was im Umkehrschluss plakatleere Räume bedeuten, ist mir erst in den vergangenen Wochen richtig bewusst geworden.
Meine Eltern sind alt, sehr alt. Und aufgrund ihrer Lebensumstände haben sie mich diesen Sommer ganz besonders gebraucht. Es war also keine Frage, und als Selbstständige (irgendwie und mit Extra-Einsatz) möglich, dass ich zu ihnen ins Haus am Wald siedle und sie unterstütze. Ein echt kleiner, in meiner Erinnerung bunter, lebendiger, Ort, wie es ihn zuhauf am Land gibt.
Zuerst ist mir gar nicht aufgefallen, dass es an diesem Ort kaum Plakate gibt. Am Schwarzen Brett hingen verschüchtert wenige, kleinformatige Ausdrucke als Werbung für ein lang zurückliegendes Konzert, einen Hof-Flohmarkt und die kurze, obligatorische Terminliste der Seniorentreffen.
Doch im Laufe der Zeit, ich war mehr als sechs Wochen dort, vermisste ich sie. Bisher hatte ich Plakate noch nicht bewusst als etwas dringend Notwendiges empfunden. Doch, was genau war es, was ich vermisste? Wofür stehen Plakate?
Plakate verbinden. Sie schaffen Gemeinschaftsgefühl, selbst wenn sie nur für einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit erregen. Ein Konzertplakat sagt: „Hier passiert etwas.“ Das Plakat einer Bürgerinitiative sagt: „Hier gibt es Menschen, die sich engagieren.“ Ein selbstgemachtes Plakat für die Nachbarschaft sagt: „Hier kümmern wir uns umeinander.“

In einem Dorf ohne Plakate fehlt dieser Kitt. Es ist, als würde man in einer Gemeinschaft leben, in der jeder für sich allein existiert, ohne sichtbare Zeichen der Verbundenheit. Plakate sind visuelle Handschläge. Sie zeigen: „Ich bin hier. Ich habe etwas zu sagen. Ich gehöre dazu.“
Doch dieser plakatleere Raum ließ mich ratlos zurück. Ich erfuhr nichts über die Menschen, die mittlerweile dort leben. Es gab keine Hinweise auf kulturelle Vorlieben oder gemeinsame Ziele. Keine Aussagen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, nichts worauf ich mich beziehen konnte. Ohne Plakate fehlte dem öffentlichen Raum eine Dimension.
Und sie begannen mir zu fehlen. Plakate, die unsere Aufmerksamkeit einfordern, uns zum Nachdenken bringen, uns aufregen oder uns zum Lächeln bringen. Sie fehlten mir als visuelle Dialoge, die ich mit einem Ort führe, ohne ein Wort zu sagen. In diesem plakatleeren Raum gab es für mich kein stilles Eingebunden werden.
Aber ich fand es auch schade für die Menschen vor Ort. Plakate sind ja nicht nur Botschaften, sie sind auch Selbstausdruck. Ein Plakat zeigt: „Hier lebt jemand, der sich traut, Farbe zu bekennen.“ Ob politisch, künstlerisch oder kommerziell, jedes Plakat ist ein Statement. Und jedes Statement ist ein Puzzleteilchen der Identität eines Ortes.
In plakatleeren Räumen fehlt diese sichtbare Vielfalt. Es ist, als würde man in einer Welt leben, in der alle gleich denken oder zumindest so tun, als würden sie es.
Doch wir alle wissen: Hinter jeder Tür, hinter jedem Fenster, gibt es Menschen mit Meinungen, Träumen, Überzeugungen. Plakate machen diese unsichtbaren Welten sichtbar.
Plakate sind eines der demokratischsten Medien der Welt. Jeder kann eines gestalten. Jeder kann eines aufhängen. Jeder kann eines überkleben. Und, das weiß ich jetzt sehr bewusst, Plakate sind Lebenszeichen. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht allein sind. Sie sagen, hier gibt es Menschen, die etwas zu sagen haben. Hier gibt es eine Gemeinschaft, die sich zeigt.
Lasst uns Plakate aufhängen. Egal ob für eine Party, eine Nachbarschaftsinitiative oder einfach nur, weil wir etwas Schönes gestalten wollen. Jedes Plakat schafft ein kleines Stück Verbindung, und die brauchen wir alle.
Vieles an diesem Sommer war herausfordernd, aber auch sehr wertvoll. Die Entdeckung von mir in einem plakatleeren Umfeld gehörte dazu.
Gedankenexperiment: Was würde mit dir passieren, wenn in deinem Umfeld plötzlich alle Plakate verschwinden würden? Wenn du magst, freue ich mich über deine Gedanken dazu.
Ich freue mich auf die nächste Woche und wenn wir weiter gemeinsam Wände entdecken.
Bis dahin wünsche ich dir eine Woche voll Verbundenheit und Gemeinschaft.
Herzlich, Silja
Schreibe einen Kommentar