# Angie Wang #23

_Published: 2026-10-28_

Plakate gehören auch dem leisen Widerstand

_Raue Töne, Schlagabtausch wohin man sieht. Es ist mir nicht egal. Ich denke, dass Widerstand nötig ist. Doch das Schreien wird nicht leiser werden, wenn ich mitbrülle. Außerdem liegt das Laute, Aggressive nicht in meiner Natur. Zum Glück ist mir da, ein Interview mit Angie Wang in die Hände gefallen._

**_Mein Inspirationsschubser_**

Kennst du das Plakat „Trump 24K Gold-Plated“? Es stammt von **Angie Wang** und **Mark Fox** (Design Is Play-Studio, San Francisco).  Das Plakat ist glatt und edel, goldene Lettern auf dunklem Grund. Ihm fehlt die raue Wut, die man von vielen politischen Plakaten kennt. Die Kritik sitzt im Negativraum, im Ungesagten. Man muss hingucken. Und dann wird man es nicht mehr ohne das Hakenkreuz sehen können.

In einem Interview mit der Typografin Angie Wang (geb. 1970 in Taiwan) lese ich, dass Widerstand für sie nie eine Selbstverständlichkeit war. Sie sagt von sich, dass sie es nicht gewohnt ist, in den lauten Widerstand zu gehen. Das subtile, behutsame Aufzeigen liegt ihr mehr.

Diese Sätze erzeugen ein Echo in mir. Denn ich bin angefasst und entsetzt, wie sich laute Hassreden, Diffamierungen und Herabwürdigungen in den medialen Vordergrund schieben. Fassungslos darüber, wie Hass und Hetze von Menschen willkommene Narrative bilden. Doch gegen überschreien oder ignorieren als Reaktion begehrt meine Vernunft auf.

Bei Wang und Fox wird auf den ersten Blick klar, der ruhige Stil schmälert nicht die Wucht ihrer Botschaft. Das empfinden viele so, ihre Plakate sind in den Sammlungen des Victoria & Albert Museum in London, des Museum für Gestaltung Zürich, des Plakatmuseums Wilanów, des LACMA und der Library of Congress zu sehen. Die politischen Plakate und das Interview mit Angie Wang haben mich diese Woche inspiriert.

**_Wie mein Plakatentwurf entstanden ist_**

Mit lauter Agitation und radikalen Botschaften werde ich also nicht auffallen. Ich vertraue darauf, dass Menschen erkennen können und schlussfolgern wollen.

Die Idee für die Entwürfe entstand aus vielen Fragen: Womit fängt eine Abwärtsspirale an? Ist die wiederholte Lüge allein so disruptiv? Oder ist Akzeptanz nicht genauso destruktiv und beschleunigt den Vertrauensbruch? Wohin führt wiederholter Vertrauensbruch?

![](https://siljawolff.com/wp-content/uploads/2026/10/silja-wolff-graphic-artist.jpg)
Drei Gestaltungselemente sind es geworden. Pinocchio steht als Symbol für die Lüge. Obwohl gerade diese Auswahl ihr Für und Wider hat. Einerseits gibt es einen Konsens, wofür Pinocchios Nase steht. Doch viele haben den Ausgang der Geschichte nicht parat. Pinnochio darf lernen und sich entwickeln, er stellt das Lügen ein und wird am Ende ein Menschenkind. (Und ja, ich kann nicht ohne Hoffnung gestalten.) Gleichzeitig wollte ich aber zeigen, dass aus Lüge auch Gewalt und Blutvergießen werden kann.

![](https://siljawolff.com/wp-content/uploads/2026/10/silja-wolff-graphic-artist-potsdam.jpg)
Um größtmöglichen Raum für den Gedanken zu schaffen, habe ich die Elemente stark reduziert und sehr wenige Farben eingesetzt. Die serifenlose, schlichte Typografie unterstützt die leisen Töne des Inhalts. Im zweiten Entwurf habe ich auf das hoffnungsvolle Symbol des Pinocchio verzichtet. Die Möglichkeit der Reflektion und Umkehr abgeschnitten und so die Botschaft verschärft. Gleich geblieben ist, beide Entwürfe bieten keine Lösung, sondern Raum für eigene Schlussfolgerungen.

![](https://siljawolff.com/wp-content/uploads/2026/10/silja-wolff-poster-design-potsdam.jpg)
**_Aha-Moment to go_**

Politisches Plakatdesign kennt zwei Register: das laute der Agitprop, das konfrontiert und zum Handeln aufruft. Und das leise, das Kritik in Details, Negativräumen und verschobenen Symbolbedeutungen versteckt.

Beide arbeiten mit dem Symbolwissen der Betrachtenden und mit dem Bedeutungswandel von Zeichen. Für beide Spielarten ist gilt: Die Verantwortung für die eingesetzte Symbolik und was sie auslöst, liegt beim Gestaltenden.

**_Noch eine kleine Inspiration_**

Diesmal zwei Einstiegspunkte: Das Buch „Symbols: A Handbook for Seeing“ von Mark Fox und Angie Wang (The Monacelli Press, ISBN 978-1-58093-472-5) ist ein Kompendium über das Sehen von Symbolen.

Und das lesenswerte Interview des Letterform Archive mit Fox und Wang gibt es hier: [letterformarchive.org/news/mark-fox-and-angie-wang](https://letterformarchive.org/news/mark-fox-and-angie-wang)

::::::::::::::::::::::::::::

Wie gibst du Widerstand, leise oder laut? Und welche Botschaft würdest du groß auf ein Plakat schreiben?

Ich wünsche dir eine gute Woche und freue mich, dich bald mit einem neuen Plakat zu überraschen!

Herzlich, Silja
